Vom flotten Sender zum
Blödelfunk:
Schaltet Bayern 3 ab!
Von Stefan Högl
Der private Rundfunk hat
seine Spuren hinterlassen.
Bayern 3, in den 80er Jahren der populärste Sender im Freistaat, hat
einen Qualitätsverlust
hinter sich, der sprachlos macht. Mittlerweile sind auch Bayern 1 und
B5 auf
das sinkende Schiff aufgesprungen. Doch der Gebührenzahler hat ein
Recht
darauf, ein halbwegs gut gemachtes Programm zu hören. Gelingt das
nicht, müssen
endlich Konsequenzen gezogen werden.
Freitag. 18 Uhr. Feierabendstimmung im Freistaat. Millionen junger Menschen haben das Radio eingeschaltet und den Kassettenrekorder bereit zur Aufnahme. Zeit für die bayerischen "Top Ten". Ein vertrauter Jingle - die typische Erkennungsmelodie - läutet die meistgehörte Hitparade im Freistaat ein. Weil viele Jugendliche die Sendung mitschneiden, bemüht sich der Moderator, nicht zu sprechen, solange die Musik läuft. Nur selten unterbricht eine Verkehrsmeldung die Aufnahme. Die Szene spielt in einer Zeit, als die Technik gerade den Alltag zu erobern begann. CDs waren noch selten und teuer, selbst zu brennen war unmöglich. Auf dem C64 von Commodore wurden die Spiele noch auf Kassetten gespeichert. Handys waren so groß wie Schultaschen und das Internet eine Sache der Militärs. Damals war der Rundfunk das beste und mobilste Medium. Es waren die 80er Jahre, als "Bayern 3" seine Blüte erlebte. Ob "Fritz und Hits" oder die "Schlager der Woche", ob "Songbook" oder "Pop nach acht" - der Sender war "super", wie es damals hieß.
Die heutige "Generation Golf" erinnert sich noch an Verkehrsmeldungen, die mit einem Signal begannen und endeten, und vor alle, an ihre sachliche Kürze. Vormittags liefen Nachrichten in englischer und französischer Sprache, wer am Nachmittag ins Studio telefonierte, durfte die Vorwahl für München nicht vergessen. Abends konnte man seine Wünsche loswerden oder einfach nur zuhören. Ganz gleich zu welcher Stunde man das Gerät einschaltete - mit Bayern 3 verband sich Unterhaltung und Entspannung.
Mitte der 80er Jahre schossen mit einem Mal die Privatsender aus dem Boden: Zuerst nur in München - Radio Gong, Xanadu und andere mehr - dann auch in anderen Städten und schließlich bayernweit. Gute Musik und witzige Programme führten bald zum Erfolg - anders als beim staatlichen Rundfunk. Dort verhindern die Behörden, dass die Nr.1 der bayerischen Hitparade gespielt wird. Falcos "Jeanny" wird zensiert, aus "geschmacklichen Günden", wie es damals hieß. Ginge es wirklich um den Geschmack, dann gäbe es den Sender heute nicht mehr. Bayern 3 wäre längst abgeschaltet worden - Günde dafür gibt es genug:
Die inszenierte Dauergaudi
Vom einst so erfolgreichen Programm ist wenig übrig geblieben. Der Sender ist mittlerweile zu einer Spaßveranstaltung mutiert, deren Teile nahtlos ineinander übergehen: Morning Show, Radio-Show, Abendshow, Newcomer-Show. Jeden Tag, Werktag wie Sonntag, die Show durchzieht das ganze Jahr.
Schon der Morgen beginnt mit einer Zumutung. Dann ist die "Morning-Show" im Anrollen – eine Drohung, die man wörtlich nehmen darf: Der Sender hat eine "Morgenmannschaft" angeheuert, um den Hörer zu belästigen, ein Weckerteam, denn "Bayern 3 weckt dreimal gut", wie es warnend heißt, also: "Raus aus den Federn! Kommens gut rein in diesen Tag!" Einen "schön´ guten Morgen!" plärrt der Moderator durchs Studio, wo er selten alleine hockt und zuerst in die "Verkehrsredaktion", dann zu "Bayerns bestem Wetterservice" schaltet. „Schöööhnen guten Mooorgen“ blökt es von dort zurück. Es geht hin und her, doch nie ohne Geblödel. Der eine Kollege hat einen verstaubten Witz auf Lager, der andere gibt ein stupides Wortspiel zum Besten. Im Hintergrund ein besoffenes Gelächter und Gegackere. Its Gaudi-Time auf Bayern 3! Die Hälfte des Programms ist mittlerweile zur "Gute-Laune-Sendung" verkommen. Eine totale Blödelshow: Billiger Klamauk bis zum Umfallen.
Mitmachen, gewinnen, dabei sein!
Wer heute im Studio anruft, kann die Münchner Vorwahl gern vergessen. Eine Anrufzentrale ist es, die den Hörer erwartet. "…null hundertachtzig fünf" heißt es am Anfang, und am Ende steht ein Gewinn. „Jetzt anrufen“, ermuntert die feucht-fröhliche Stimme des Moderators, bevor er die Nummer mit kindlicher Begeisterung wiederholt. Jede Woche ein neuer Preis, in jeder Sendung eine neue Chance. Das Glücksrad dreht sich rund um die Uhr. Für den Hörer gilt stete Alarmbereitschaft. Radio muss etwas bringen: der Mitnahmeeffekt. Konkurrent "Antenne Bayern" rühmt sich gar einer "Gewinnzentrale". Das Programm hat seine Ruhe verloren. Eine tägliche Mobilmachung zieht sich durch die Sendungen, ohne Unterlass und mit Dauerwerbung für die beteiligten Firmen. Entspanntes Zuhören ist Vergangenheit. Fast stündlich geht es um Tickets, Geld und freien Eintritt. Es gibt kein Entkommen: Der ganze Tag steht unter einem Motto, der Hörer wird zur Geisel.
Wer jetzt noch nicht begriffen hat, wie toll der Sender ist, der bekommt es oft zu hören, zehnminütlich mittlerweile. "Bayerns bester Sender", mit dem "aktuellsten Verkehrsservice" und mit "Bayerns bestem Wetter". Nichts ist mehr normal, am wenigsten aber der Inhalt. Superlative und Exklusivität geben sich die Klinke in die Hand. Es ist nicht der Sender, der die Musik spielt, nein, es sind die Interpreten, die "hier, in Bayern 3" ihr Liedchen singen. - Ein paar Tage bloß währte der Versuch, die üblichen Kurznachrichten "live aus dem Newscenter" verlesen zu lassen. Bei diesem Selbstlob muss aufgefallen sein, dass jemandem die Sicherungen durchgebrannt waren. Dabei sind die Meldungen so knapp wie eh und. Was sich "Info und Service" nennt, ist bei näherem Hinsehen keinen Nebensatz wert. Waren früher Experten am Hörer, wenn ein umstrittenes Thema diskutiert wurde, so genügen heute die Hörer. "Ihre Meinung ist gefragt", dröhnt es fordernd, was der Anrufer sagt, ist eigentlich egal. Hauptsache: Stimmung entsteht, das Gefühl mitzureden und Bescheid zu wissen. Am Ende liefert der Moderator das Fazit, ganz nach Gutdünken, Hauptsache, man hat "mal über die große Frage" gequatscht.
Mittlerweile ist diese Art der Hörerbefragung auch beim bislang seriösen Informationssender angekommen. „B5 aktuell“, der im Vergleich zu Bayern 3 fast trocken-sachlich wirkt, hat nachgezogen. Sonntags steht „Talk auf B5 aktuell“ im Angebot. Hier kann jeder seine Meinung kundtun – unzensiert, unbekümmert, und oft auch unbrauchbar. Für den halbwegs informierten Hörer eine Zumutung.
Primitivkultur auf dem Vormarsch
Mit Bayern 3 ist ein Boulevardsender entstanden, der jedem etwas bietet, der keine Ansprüche mehr stellt. Schon früh am Morgen verkündet die hauseigene Astrologin ihr Horoskop. Täglich, auch an Heiligabend und Ostern, überzieht der esoterische Schund den Freistaat. Während man allerorts den Werteverlust beklagt, geht Bayern 3 gar in die Gegenoffensive: Sind sonntags Gäste ins Studio geladen, so wird auch diesen aus den Sternen gelesen. Der Moderator gibt sich von der Sache überzeugt. „Es is schon was dran“, müssen auch die Gäste freundlich nicken. Die Volksverblödung ist zum Programmziel geworden, während – welch Schizophrenie! – auf Bayern 1 die Sonntagsgottesdienste laufen.
Hokuspokus hat Hochkonjunktur, wie auch die eigene Homepage verrät – klicken Sie sich doch mal rein! – . Hier zeigt der Sender sein Gesicht: Boulevard, Stammelsprache, Anglizismen. Das Niveau kommt nicht von ungefähr, wurde das Personal doch zuletzt aus Sportreportern und früherem Privatfunkpersonal zusammengewürfelt. Entsprechend abgeglitten ist der Inhalt des Programms: Aus Kultur wurde Comedy: Seichte Sketche durchziehen heute die Sendungen. Was früher eine witzige Einlage war, lauert heute hinter jeder Viertelstunde. Politikerimitation, Wortspiele, Telefonschreck – Geblödel rund um die Uhr und mit steigender Beliebtheit. Während Bruno Jonas sein Gelalle mit einem „ze-fix“ garniert, wartet Bayern 1 mit einer etwas biederen, aber umso primitiveren Einlage auf: Heinzi und Kurti mimen den blöden Bayern, Waltraud und Mariechen eine stupide Vergreisung des Alters. Wer jetzt als Nichtbayer den Sender empfängt, muss annehmen, der Freistaat sei von Deppen bevölkert.
Von Bildung ist nur dann die Rede, wenn sie ein Grund zum Blödeln ist. Abituraufgaben werden zur Abschreckung verlesen, berühmte Dichter zur Belustigung vorgeführt. Droste Hülshoff? Nie gehört! – Wie soll die heißen? Blöder Name! – Wer es dennoch weiß – schnell zum Hörer, es winkt ein Preis! Doch Vorsicht: Kennt man die richtige Antwort, muss man sich jetzt eine Rechtfertigung überlegen, denn es gilt: Wissen ist blöd! Und: Mit Blödheit zu kokettieren, ist in.
So offenbarte sich auch ein Moderator letztes Jahr im Dezember, als er am 27. kurzerhand Weihnachten für beendet erklärte - „seit ein paar Stunden“, wie er meinte. So weit wird es noch kommen. Kulturverständnis nach Ladenschluss. Glückwunsch, Bayern 3: Die bildungsfernen Schichten sitzen jetzt im Studio! Der Beleg: „Wochendende!!!“ verkündet seit kurzem ein Jingle – das Ziel jedes Proletariers. Deshalb feiert auch die Morgenmannschaft" schon am Freitag. Am Frrrrrrrrreitag, um genau zu sein, wenn einer der Moderatoren sein infaltiles R-Gerolle durch den Äther grunzt.
Kulturverständnis, Tradition und Bildung? Wozu – die Sendung läuft auch so ganz gut. Verehrung gilt den "großen Stars", oder denen, die sich dafür halten. Was bisher niemand interessiert hat, der „Promi-Talk“ am Sonntag bringt es an den Tag. Für Primitive ein Festmahl, für den Rest ein Graus: Erst kürzlich probten Prominente live, wer ein Lied am besten wassergurgeln kann. Viel tiefer kann man kaum noch sinken.
"...und Servus beinand´"
Wer jetzt noch zweifelt, der braucht nur hinzuhören. Nicht hinter jeder netten Stimme steckt ein großer Geist, vor allem wenn man auf die Sprache achtet. Schon die Begrüßung zeigt, wie seicht die Sendungsmacher sind: "Mahlzeit!" - "Hallo!" - "Servus beinand!" - Der Hörer wird zum Kumpel degradiert, mit platten Floskeln eingelullt. "Kommens gut rein in diesen Donnerstag!" – Ein dummer Spruch, ein blöder Witz, gleich eine "Info": Schon ist man mitten in der Sendung.
Vom Dialekt keine Ahnung,
für Sprache kein Gefühl.
Pseudobayerisch nach Instinkt. Wie kann man diese Leute bloß auf
Sendung gehen
lassen? Schon die Betonung haut nicht hin. Auf jedem zweiten Wort liegt
Nachdruck, weshalb es wie im Kindergarten klingt. Kurze Sätze prägen
das
Gestammel, wie man es von Bayern 1 schon kennt. "Kalt draußen
heute", doch "Die Sonne, sie scheint heute wieder."
Ein ganzer Satz ist offensichtlich nicht zu schaffen, so wird er
unterbrochen,
wo es geht.
Der Wort-Schatz wird zum infantilen Sprach-Müll: Man spricht von "Promi, Schiri, Schumi, Klinsi" von "Juve, ManU“ und vom „Brummi." In diesem Umfeld kann man sich Grammatik sparen - weil das merkt der Hörer nicht. Bei schwülem Wetter sind „die Wolken picke-pocke voll“, bei starkem Schneefall „haut´s was runter“. Bei Bayern 1 sind die Temperaturen zudem „zapfig“. Es wirkt wie ungezwungenes Geplätscher, was da recht lässig aus dem Radio rinnt, verbunden durch ein großes UND. Ob Sendungsanfang, Themenwechsel oder neuer Gedanke: Mit "…und…" wird alles Unvermögen überdeckt. Nicht ABBA hört man deshalb mit der "Dancing Queen", nein es sind ABBA und "Dancing Queen". Nicht der Moderator mit dem Wetter, nein, er ist es: „…und das aktuelle Wetter ". Weil nun die Sprache "eh egal" geworden ist, läuft Bayern 3 nicht mehr am Mittag, nein, stolz heißt die Sendung "Bayern 3 der Mittag".
„...ein kaputter Brummi"
Vorbei ist die Zeit, als "ortskundigen Autofahrern" im Verkehrsservice noch "empfohlen" wurde, ein Staugebiet "weiträumig zu umfahren". Zu kompliziert für den modernen Hörer. "Wenn Sie sich auskennen" heißt das platte Synonym. Zuerst auf B3, dann auf B1, jetzt auch auf B5. Kundig ist heute keiner mehr, weshalb die Sprache primitiver wird. Denn „…essis fünf nach eins“ und:. „…Dasssis Bayern drei … der aktuellste Verkehrsservice" - nein, nicht mit einer Meldung von der A8, vielmehr "…und die A8"! Ein Mahnmal sprachlichen Unvermögens ist entstanden. „.. und los geht´s…" kräht der Sprecher stimmungsschwanger.
Aus dem Falschfahrer ist
der Geisterfahrer geworden,
weil heute ohne Dramatisierung nichts mehr geht. Seit neuestem "befinden
sich" auch nicht mehr "Reifenteile auf der Fahrbahn",
gut pseudobayerisch "liegen sie jetzt (mitten) auf der Fahrbahn
rum" Nicht anders steht es um Personen, Hunde, Rinder, Kinder.
Gleichsam im Amok "laufen Leute auf der Fahrbahn rum".
Tatsächlich Amok aber läuft der Sender, der seine Meldungen nicht mehr
einzuleiten weiß. Begannen diese früher pünktlich nach dem "Sigi" -
so flutscht der Hörer nun schon vorher ins Programm. Pech hat ein
Autofahrer,
der allein Verkehrsfunk sucht. Wie lange er noch zugeschaltet bleibt,
bestimmt
der Moderator. – Wozu die Sendung sauber schneiden? Es ist doch
nur der
Hörer, der davon betroffen ist.
Vorbei sind nun auch die
Zeiten, zu denen Kürze noch die
Würze war. Jetzt steht am Meldungsanfang die Belehrung, besonders wenn
im
Winter Glatteis droht. Nicht zu vergessen jene Floskel, die zu
vorsichtiger
Fahrt mahnt, "und kommens vor allem gut an". Gab es früher
dichten bis zähflüssigen Verkehr, so ist heute "ne Menge los".
Oder kürzlich: „Mörder viel los…“ - Statt eines „Unfalls“
"hat´s
gekracht" und deshalb "staut sichs auch". So „ham
wer Stau“. Statt die Hinweise der
Hörer zu sammeln, geht jetzt der "Bayern Driver" live auf
Sendung. Zumindest aber wird ihm namentlich gedankt. Natürlich wird die
kostbare Zeit auch zur Mitgliederwerbung missbraucht, zu Blödeleien
sowieso.
Wenn auch diese noch nicht lange gedauert hat, dann kann die Schaltung
in die
Verkehrsredaktion für zusätzliches Warten sorgen: "3 km Stau -
Daniela,
was ist da los?" Nun folgen die Details, zu deren Ersparnis einst
kluge Leute einen knapp gefassten Verkehrsservice erfunden haben. Was
also ist
passiert? "Obstkisten liegen auf der Fahrbahn rum", denn „da
ist ein Brummi umgekippt“. Das ist es, was passiert ist,
nachdem
früher noch von einem "liegengebliebenen Lastwagen“ die
Rede
gewesen wäre.
Ein kaputter Brummi
steht rum und wer immer aus dem
medialen Dämmerzustand hochschreckt, muss ahnen, dass das gute Radio
zum "Brummi"
verkommen ist. Mit unseren Gebühren werden Sendungen finanziert, deren
Inhalt
an billige Boulevardmagazine erinnert, deren Stil an alkoholisierte
Partygespräche erinnert, moderiert von Leuten, die ganz offensichtlich
nicht
mehr unterscheiden können, ob sie es mit einem alten Kumpel oder mit
Millionen
Hörern zu tun haben.
Man wünscht sich, dass ein Partikelfilter all den Dreck entfernt, der mittlerweile aus dem Sender quillt, und ahnt, dass von den meisten Moderatoren nicht mehr viel zu hören wäre. Eine Ruhe, die man mittlerweile herbeisehnt. Bayern 3 muss endlich abgeschaltet werden.